„Wenn das Glas (bzw. Boot) halb voll ist.”

Ein amüsanter Erlebnisbericht von Roger über seinen Kurs Open Canoe Roll

Nachdem unser Können, aber auch unser Anspruch langsam aber sicher steigt, haben wir uns Ende 2012 entschlossen, als nächsten Schritt die Kanurolle erlernen zu wollen. Leider gibt es im BFC niemanden, der sie beherrscht.
Eher zufällig entdecke ich auf www.canadierforum.de bei der Lektüre eines Tourenberichtes die Seite www.wildnisabenteuer.com. Dort wird ein zweitägiger Eskimotierkurs in Suhl angeboten. Hört sich gut an, Suhl ist nicht weit weg, also finden wir einen Termin im März 2013. Cornelia übt in der Zwischenzeit schon mal im Bambados mit den Kajakern, aber so recht weiß da natürlich keiner, wie die Kanurolle aussieht.
Am Freitag, 1. März, ist es soweit, wir fahren nach Suhl. Nach knapp 1 Stunde kommen wir im Hotel an, das praktischer Weise direkt mit dem Ottilienbad, Ort des Kurses, verbunden ist.
Der erste Mensch, dem wir in der Hotellobby begegnen ist (ist er es wirklich?), ja es ist der echte Heino. Ein Autogramm auf meinem Paddel, das ich gerade in der Hand halte, das fällt mir spontan ein, wäre ein echter Hingucker. Als er dann aber summend an mir vorbeischlendert, verwerfe ich diesen Gedanken schnell wieder. Nicht meine Musikrichtung.
Abends soll eine Einführung in den Kurs mit Trockenübungen, Video und Besprechung stattfinden. Da die Zeit knapp ist, gehen wir vorher noch zum Chinesen neben dem Hotel. Es ist gerade mal 17.20 Uhr, ich habe Bedenken, ob die schon geöffnet haben. Die Tür ist offen, drinnen Menschenmassen, alle schon beim Essen, in der Mehrzahl weiblich, Alter 65+. Was die hier schon machen? Heino!
Wir gehen ins Parkhaus, vor dem Eingang des daneben liegenden Congresscenters Suhl, erneut Menschenmassen, wieder 65+. Alle wollen zu Heino. Nun ja, wir haben etwas Besseres vor.
Wir fahren ins benachbarte Zella-Mehlis zu Petra und Holger. Holger ist ehemaliger Leistungssportler und, wie er selbst sagt, da wo er geboren wurde, bekommen die Kinder die Ski schon bei der Geburt unter die Füße geschnallt. Also wurde er Skispringer. Da Skispringer auch immer und immer wieder die gleichen Bewegungsabläufe trainieren müssen, ist Holger genau der richtige Fachmann, um uns schon vorher die Übungssequenzen sehr anschaulich erklären zu können. Unsere Versuche im Wasser sollen mit Video dokumentiert und danach zusammen analysiert werden.
Der Empfang ist fast familiär. Schnittchen und Knabbereien stehen bereit, schade, daß wir gerade erst gegessen haben. Petra hat sich viel Mühe gemacht.
Wir besprechen den Kursablauf, machen erste Trockenübungen, bei denen ich sehr schnell an die Grenzen meiner Dehnbarkeit komme. Holger zeigt uns anhand von Vidoefilmen, was man richtig oder auch falsch machen kann.
Gegen 21.00 Uhr fahren wir ins Hotel zurück, fallen dort um 22.30 Uhr müde ins Bett. Gegen 23.00 Uhr dann laute Stimmen im Hotelflur, gackern, lachen, das Konzert mit Heino ist zu Ende. Im Zimmer nebenan hält die „Nachbesprechung“ bis gefühlte 01.00 Uhr an, ich überlege schon, die Wand einzuschlagen, aber echte Heinofans würden das wohl eh nicht mitbekommen. Dann kehrt endlich Ruhe ein.
Bereits kurz vor 7.00 Uhr sind wir am nächsten Morgen im Schwimmbad, umziehen und los geht’s. Die ersten Übungen machen Mut, offside ins Wasser fallen lassen, bugseits mit der Nasenspitze über den Auftriebskörper, auf der anderen Seite wieder hoch, und …. ich bin nicht nicht herausgefallen. Prima.
Dann wird’s schwieriger, ab an den Beckenrand, dort festhalten, mit gestreckten Armen ins Wasser gleiter lassen. Dann mit dem arbeitsseitigen Knie in Richtung Kopf ziehen, um das Boot wieder hoch zu bringen. Dabei drehen, mit dem Oberkörper plan auf dem Wasser liegen, beide Schultern parallel zur Wasseroberfläche, Kopf runter. Schnell fühle ich, daß meine rechte Schulter sich bemerkbar macht. Aber nach dem Motto „quäl dich du Sau“ (wir sind ja nicht nur zum Vergnügen hier) geht’s weiter.
Bei Cornelia sieht das schon wesentlich flüssiger aus, sie ist halt doch gelenkiger und hat vorher im Bambados geübt.
Und weiter geht’s, nächste Übung, nur diesmal ohne Beckenrand mit Minicell als Auftriebshilfe. Bei Cornelia klappt das sofort, bei mir ist immer der Ellbogen im Weg, der will einfach nicht mit dem Süllrand harmonieren.
Es wird noch schwieriger, jetzt soll die Bewegung fließend bis zum Abschluss gebracht werden, dabei immer den Kopf schön unten halten und gaaaaanz über den Auftriebskörper bis zur anderen Seite durchziehen. Das üben wir bis zum Ende der zweiten Stunde.
Nach dem Frühstück im Hotel fahren wir zu Petra und Holger nach Hause und sehen uns „unsere“ Videos an. Schnell wird klar, was wir noch verbessern müssen. Weitere 2 Stunden später haben wir noch diverse Paddelvideos angesehen, man könnte mit Petra und Holger stundenlang über Details sprechen.
Bei herrlichem Sonnenschein beschliessen wir auf Empfehlung von Petra und Holger ins nahe Oberhof zu fahren. Wir geniessen den Sonnenschein, die schöne verschneite Landschaft, fahren auf Thüringens längster Naturrodelbahn mit Leihschlitten ins Tal. Danach sehen wir uns das olympische Skisportzentrum an. Abends findet hier auf der Bobbahn die Pro7-Wok-WM statt, weitere „Promis“ sehen wir aber heute nicht.
Wir fahren zurück nach Zella-Mehlis, gehen in die Konditorei Otto. Statt Mittagessen gibt es Kuchen und Eis satt, wegen Übersättigung fällt später auch das Abendessen aus. Dafür gehen wir – seit langem einmal wieder ohne Kinder – ins Kino. Und sehen jetzt auch die Plakate: „Frühlingsfest der Volksmusik, mit Stargast Heino, Marianne und Michael, Florian Silbereisen“. Ich weiß, wir haben die interessantere Veranstaltung besucht.
Am nächsten Morgen wieder kurz vor 7.00 Uhr Beginn im Schwimmbad. Das Aufstehen fällt schon schwerer, die ungewohnten Bewegungsabläufe von gestern fordern ihren Tribut. Aber: wer etwas lernen will, muss auch zupacken können. Schach spielen wäre uns zu langweilig.
Wir beginnen mit Wiederholungen von gestern, es funktioniert schon besser. Erst als das Paddel ins Spiel kommt, wird es richtig schwierig. Der Bewegungsablauf ist komplex, mit der Kajakrolle nicht zu vergleichen. Cornelia hat einige sehr gute Versuche, am Ende fehlt die Zeit. Mit weiterer Übung wird es aber demnächst klappen. Bei mir sieht’s noch nicht so gut aus, aber der Ablauf ist klar, jetzt muss halt weiter geübt werden.
Holger hat immer einen aufmunternden Spruch, er weiss, wie man motiviert. Folglich ist bei mir das Glas natürlich halb voll, wobei es mir erscheint, als wäre vor allem mein Boot immer halb voll. Wenigstens ist das Wasser warm. Wir machen später wieder eine gründliche Nachbesprechung und bekommen auch sonst noch viele Tipps mit auf den Weg. Petra sind Details bei Cornelias Paddeltechnik aufgefallen, die dringend geändert werden sollten. Schön, daß es hier nicht nur um den Kurs an sich geht, sondern auch sonst Wert gelegt wird auf das Drumherum.
Wir verlassen Suhl am Sonntag gegen 14.00 Uhr und sind rundrum zufrieden. Es hat sich in jeder Beziehung gelohnt, hierher zu kommen. Oberhof und seine Umgebung werden wir schon bald mit den Kindern wieder besuchen. Auch Petra und Holger haben wir sicherlich nicht zum letzten Mal gesehen, erste Planungen bezüglich gemeinsamer Fahrten sind schon gemacht.
Sollten wir den Kurs abschliessend beurteilen, gäbe es glatte 10 von zehn möglichen Punkten. Für jeden WW-Canadierfahrer wirklich sehr zu empfehlen.
PS: Cornelia trainiert am nächsten Tag schon wieder im Bambados, und 50% der Rollen klappen. Wer sagts denn.

Roger

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